Was sich beim Prompting verändert hat
In den ersten Jahren von ChatGPT kursierten viele Tipps, die vor allem Schwächen der damaligen Modelle ausglichen: „Denke Schritt für Schritt“, „Du bist der weltbeste Experte für …“, lange Prompt-Schablonen mit zwanzig Abschnitten. Einiges davon half wirklich, vieles war Folklore. Heute sieht die Lage anders aus:
- Viele Modelle denken selbst nach. Aktuelle Modelle von OpenAI, Anthropic und Google können vor der Antwort intern Zwischenschritte durchgehen. Die Aufforderung, Schritt für Schritt zu denken, ist dafür meist nicht mehr nötig.
- Modelle folgen Anweisungen genauer. Das ist gut – bedeutet aber auch, dass unklare oder widersprüchliche Vorgaben eher wörtlich umgesetzt werden. Was du nicht sagst, wird nicht unbedingt mitgedacht.
- Werkzeuge erweitern die Möglichkeiten. Websuche, Datei-Upload und Code-Ausführung sind in vielen Chat-Anwendungen eingebaut. Gute Prompts sagen, welches Material die KI nutzen soll.
Geblieben ist das, was auch bei der Zusammenarbeit mit Menschen zählt: klar sagen, was man will, warum man es will und woran man ein gutes Ergebnis erkennt.
Ziele klar formulieren
Der häufigste Grund für mittelmäßige Antworten ist kein falscher Trick, sondern ein unklares Ziel. Anthropic empfiehlt dafür einen einfachen Test: Zeig deinen Prompt gedanklich einer Kollegin, die nichts über die Aufgabe weiß. Wäre sie unsicher, was sie tun soll, ist es die KI auch.
Mach den Text besser.
„Besser“ kann kürzer, freundlicher, verständlicher oder überzeugender bedeuten. Die KI muss raten – und ändert womöglich, was du behalten wolltest.
Überarbeite den folgenden Text für unsere Vereinszeitung. Ziel: Mehr Mitglieder sollen sich als Helfer für das Sommerfest melden. Mach ihn kürzer (höchstens 150 Wörter) und persönlicher. Datum, Ort und Ansprechpartner müssen unverändert bleiben.
Zweck, Zielgruppe, Richtung der Änderung und feste Bestandteile sind benannt. Jetzt weiß die KI, was „besser“ heißt.
Hilfreich ist es, das Erfolgskriterium mitzuliefern: Woran würdest du erkennen, dass die Antwort gut ist? OpenAI rät besonders bei Reasoning-Modellen, das gewünschte Ergebnis konkret zu beschreiben, statt den Lösungsweg vorzuschreiben.
Relevanten Kontext bereitstellen
Kontext ist alles, was die KI über deine Situation wissen muss: wer du bist, für wen das Ergebnis ist, was schon passiert ist, welches Material sie verwenden soll. Alle drei großen Anbieter nennen Kontext als einen der wichtigsten Hebel.
Besonders wirkungsvoll ist ein Detail, das oft fehlt: der Grund hinter einer Vorgabe. Anthropic beschreibt, dass Modelle Anweisungen besser umsetzen, wenn sie deren Zweck kennen – und das Prinzip dann auch auf Fälle übertragen, die du nicht ausdrücklich genannt hast.
Keine Fachbegriffe verwenden.
Die Anleitung ist für ältere Kunden, die zum ersten Mal Online-Banking nutzen. Vermeide deshalb Fachbegriffe, und wo sich einer nicht vermeiden lässt, erkläre ihn in einem Halbsatz.
Relevant heißt aber auch: Lass weg, was nichts zur Aufgabe beiträgt. Ein Prompt voller Nebensächlichkeiten lenkt eher ab, als dass er hilft.
Bei langen Texten und Dokumenten
Wenn du einen langen Text einfügst, setze ihn an den Anfang und deine eigentliche Frage oder Aufgabe ans Ende. Google und Anthropic empfehlen diese Reihenfolge für umfangreiches Material. Kennzeichne außerdem klar, wo der eingefügte Text beginnt und endet, etwa mit einer Überschrift oder Markierungen wie <text> … </text>.
Anforderungen und Ausgabeformat festlegen
Was du nicht festlegst, entscheidet die KI. Das betrifft Länge, Aufbau, Tonfall, Sprache und Form. Gib an, was dir wichtig ist – die übrigen Entscheidungen kannst du der KI überlassen.
- Länge: „höchstens 100 Wörter“, „eine Seite“, „drei Sätze“
- Form: Tabelle, Stichpunkte, Fließtext, E-Mail, Checkliste
- Ton: sachlich, herzlich, förmlich, locker, für Kinder verständlich
- Grenzen: was unverändert bleiben muss, was nicht vorkommen soll
Ein oft unterschätzter Tipp aus der Anthropic-Dokumentation: Sag lieber, was die KI tun soll, als was sie lassen soll. „Schreib in zusammenhängenden Absätzen“ funktioniert in der Regel zuverlässiger als „keine Aufzählungen“.
Vergleiche die drei Handytarife unten für eine Person, die viel unterwegs ist und kaum telefoniert. Gib das Ergebnis als Tabelle mit den Spalten Tarif, Monatspreis, Datenvolumen und Haken aus. Darunter eine Empfehlung in zwei Sätzen. [Tarifbeschreibungen hier einfügen]
Beispiele gezielt verwenden
Ein gutes Beispiel zeigt oft schneller als jede Beschreibung, welchen Stil oder welches Format du willst. Diese Technik heißt Few-Shot-Prompting. Die Anbieter empfehlen dabei drei Dinge:
- Passend: Die Beispiele sollten deiner echten Aufgabe ähneln.
- Abwechslungsreich: Mehrere unterschiedliche Beispiele verhindern, dass die KI zufällige Details kopiert – etwa immer dieselbe Satzlänge oder dasselbe Thema.
- Klar abgegrenzt: Markiere, was Beispiel ist und was Anweisung, zum Beispiel mit „Beispiel:“ und „Jetzt du:“.
Modellabhängig
Für Reasoning-Modelle empfiehlt OpenAI, zuerst ohne Beispiele zu starten und sie nur hinzuzufügen, wenn das Ergebnis nicht passt. Google weist darauf hin, dass zu viele Beispiele dazu führen können, dass das Modell sie zu eng nachahmt. Beispiele sind also ein Werkzeug für Stil und Format, kein Pflichtbestandteil.
Rückfragen und iterative Verbesserung
Du musst nicht alles im ersten Prompt unterbringen. Die Arbeit mit KI ist ein Gespräch. Oft ist es effizienter, mit einer soliden Anfrage zu starten und dann gezielt nachzusteuern.
Starten
Ziel, wichtigster Kontext, gewünschtes Format.
Lesen und bewerten
Was passt, was fehlt, was ist zu viel?
Konkret nachsteuern
„Absatz zwei ist zu förmlich“ hilft mehr als „Nochmal bitte“.
Festhalten, was funktioniert
Gute Prompts speicherst du dir als Vorlage für das nächste Mal.
Wenn du selbst nicht genau weißt, was die KI wissen muss, lass dich fragen:
Ich möchte eine Rede zum 60. Geburtstag meines Vaters schreiben. Bevor du anfängst: Stell mir bis zu fünf Fragen, deren Antworten die Rede deutlich persönlicher machen würden. Schreib die Rede erst, wenn ich geantwortet habe.
Ergebnisse kritisch überprüfen
Sprachmodelle können Fakten, Zahlen, Zitate und Quellen erfinden, die völlig glaubwürdig klingen. Fachleute sprechen von „Halluzinationen“. Neuere Modelle machen das seltener, aber nicht nie. Auch Anthropic betont, dass sich solche Fehler verringern, aber nicht vollständig vermeiden lassen. Drei Gewohnheiten helfen:
- Unsicherheit erlauben. Schreib ausdrücklich: „Wenn du dir nicht sicher bist oder Informationen fehlen, sag das.“ Laut Anthropic reduziert diese einfache Erlaubnis falsche Angaben spürbar.
- Belege verlangen. Bei eigenen Dokumenten: „Stütze jede Aussage auf eine Textstelle und zitiere sie.“ Bei Websuche: Quellen nennen lassen und die wichtigsten selbst öffnen.
- Prüfen, bevor du verwendest. Alles, was du veröffentlichst, weitergibst oder worauf du Entscheidungen stützt, gehört gegengecheckt – besonders bei Gesundheit, Recht und Geld.
Nicht in den Prompt gehören
Passwörter, vollständige Kundendaten, Gesundheitsdaten Dritter oder vertrauliche Firmeninterna. Prüfe vorher, welche Regeln in deinem Unternehmen gelten und wie der genutzte Dienst mit Eingaben umgeht. Mehr dazu unter häufige Prompt-Fehler.
Klassische Prompts und Reasoning-Modelle
Reasoning-Modelle (auch „Denkmodelle“ oder Modelle mit „Thinking“) nehmen sich vor der Antwort Zeit, um intern Lösungswege zu durchdenken. In ChatGPT, Claude und Gemini sind sie je nach Tarif und Einstellung verfügbar oder schalten sich automatisch zu. OpenAI vergleicht sie mit einer erfahrenen Kollegin, der man das Ziel nennt, während klassische Modelle eher wie ein Berufseinsteiger genaue Anweisungen brauchen.
| Merkmal | Schnelle, klassische Modelle | Reasoning-Modelle |
|---|---|---|
| Gut für | Kurze Texte, Umformulierungen, einfache Fragen, Ideensammlungen | Mehrstufige Probleme, Analysen, Planung, Abwägungen, Mathematik, Code |
| Anweisungen | Profitieren von genauen Schritten und klarer Struktur | Profitieren von klarem Ziel und Erfolgskriterien; den Weg finden sie oft selbst |
| „Denke Schritt für Schritt“ | Kann bei kniffligen Aufgaben helfen | Meist überflüssig, laut OpenAI teils sogar hinderlich |
| Beispiele | Sehr hilfreich für Format und Stil | Zuerst ohne versuchen, bei Bedarf ergänzen |
| Nachteil | Bei schwierigen Aufgaben eher oberflächlich | Langsamer; bei einfachen Aufgaben kein Mehrwert |
Für den Alltag heißt das: Du musst die Modelle nicht im Detail kennen. Beschreibe bei schwierigen Aufgaben das Ziel und die Rahmenbedingungen gründlich und überlass dem Modell den Lösungsweg. Wenn das Ergebnis nicht passt, steuere nach.
Warum lange Prompt-Formeln nicht automatisch besser sind
Im Netz kursieren Schablonen mit Rolle, Persönlichkeit, zehn Regeln, Tonfall, Zielgruppe, Ausgabeformat, Verbotsliste und Bewertungsskala. Für wiederkehrende Aufgaben in Unternehmen kann so etwas sinnvoll sein. Für den Alltag ist es meist zu viel.
Ein guter Prompt ist nicht lang, sondern vollständig: Er enthält, was die KI wissen muss – und nichts, was sie ablenkt.
Typische Probleme überladener Prompts:
- Widersprüche: „Ausführlich“ und „kurz“ im selben Prompt – das Modell muss raten, was wichtiger ist.
- Überbetonung: Anweisungen in GROSSBUCHSTABEN oder mit „IMMER“ und „NIEMALS“ waren früher nötig, damit Modelle eine Regel nicht übersehen. Moderne Modelle reagieren darauf eher über und befolgen die Regel auch dort, wo sie nicht passt. Anthropic rät, solche Verstärkungen durch normale Formulierungen zu ersetzen.
- Kopierte Floskeln: „Du bist ein Weltklasse-Experte“ ersetzt keine Information über die Aufgabe. Eine Rolle hilft, wenn sie Perspektive und Tonfall sinnvoll vorgibt – nicht als Zauberformel.
Die bessere Strategie: mit einem klaren, vollständigen Prompt starten und nur dann etwas ergänzen, wenn ein konkretes Problem auftaucht.
Was gilt für alle Modelle – und was nicht?
Modelle ändern sich alle paar Monate. Manche Empfehlungen gelten deshalb nur für bestimmte Modellgenerationen. Diese Übersicht hilft dir einzuschätzen, was du dir dauerhaft merken solltest.
Gilt für alle Modelle
- Ziel und Erfolgskriterium klar benennen
- Relevanten Kontext und den Zweck mitgeben
- Format, Länge und Ton festlegen
- Eingefügtes Material klar abgrenzen
- Im Dialog verbessern
- Ergebnisse prüfen, Unsicherheit zulassen
Hängt vom Modell ab
- Ob „Schritt für Schritt denken“ hilft oder überflüssig ist
- Wie viele Beispiele sinnvoll sind
- Wie stark ein Modell auf betonte Regeln reagiert
- Wie ausführlich ein Modell standardmäßig antwortet
- Welche Strukturierung (Überschriften, XML-Tags) ein Anbieter empfiehlt
Quellen
Diese Seite stützt sich auf die offiziellen Prompting-Anleitungen der Anbieter. Die Erklärungen und Beispiele sind eigenständig formuliert. Die Anleitungen richten sich teils an Entwickler, die Prinzipien gelten aber ebenso für die Nutzung im Chat.
- Anthropic: Prompting best practices (englisch)
- Anthropic: Reduce hallucinations (englisch)
- OpenAI: Prompt engineering (englisch)
- OpenAI: Reasoning best practices (englisch)
- Google: Prompt design strategies – Gemini API (englisch)